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Diskussion um Interessenkonflikte bei Erarbeitung medizinischer Leitlinien

medstra-News 65/2026 vom 11.9.2026

Das British Medical Journal (BMJ) berichtet über einen mutmaßlichen erheblichen Interessenkonflikt bei der Erstellung von Leitlinien durch die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in den Jahren 2006 bis 2008.

Die ESC hatte in einer früheren Leitlinie aus dem Jahr 2006 das von einer französischen Pharmafirma hergestellte Herzmedikament Ivabradin zur Behandlung von Angina pectoris bei Patienten empfohlen, die Betablocker nicht vertragen. Laut BMJ soll sich der damalige Präsident der ESC, Kim Fox, ein emeritierter Kardiologieprofessor am Imperial College London, für das Arzneimittel eingesetzt und es als „Goldstandard für alle antiangiösen, antiischämischen Medikamente“ bezeichnet haben. Doch soll das Mittel in einer Studie die angestrebte Zielmarke, kardiovaskulär bedingte Todesfälle oder Krankenhausaufenthalte wegen Herzinfarkten oder -versagen signifikant zu reduzieren, nicht erreicht haben.

Fox und seine Ehefrau Karen Summers, eine ehemalige Führungskraft in der Pharmaindustrie, sollen nach dem Bericht zwischen 2006 und 2015 als Kodirektoren der britischen Forschungsorganisation „Heart Research“ mehr als 50 Millionen Pfund zur Erforschung dieses Herzmedikaments erhalten haben. Die Leitlinie der ESC von 2006 machte nicht öffentlich, was Fox offengelegt hatte, sondern gab lediglich an, dass die Autoren Interessenkonflikte offenlegen sollten und Formulare auf schriftliche Nachfrage beim Präsidenten erhältlich seien.

Eine erste interne Überprüfung durch die ESC hatte keine Hinweise auf eine Voreingenommenheit zugunsten von Ivabradin festgestellt. Im März 2025 kam der Ethikausschuss der Forschungsgesellschaft jedoch zum Ergebnis, dass Fox ein „schwerwiegendes Fehlverhalten“ gezeigt habe. Fox hat laut dem Bericht des BMJ diese Vorwürfe zurückgewiesen und seine Mitgliedschaft in der ESC niedergelegt. Er habe Interessenkonflikte stets offengelegt und sei nicht bereit, sich rückwirkend auf der Grundlage von 2024 entstandenen Regeln und Vorschriften für Aktivitäten in den Jahren 2006 bis 2008 beurteilen zu lassen. Das internationale Leitlinien-Bewertungsinstrument AGREE I formuliert allerdings bereits seit 2003 die Qualitätsempfehlung, dass Mitwirkende an Leitlinien mit Interessenkonflikten diese offenlegen müssten und keinen Einfluss auf die finalen Empfehlungen haben sollten. Das beteiligte französische Pharmaunternehmen hat dem BMJ mitgeteilt, dass es die Transparenzanforderungen des europäischen Dachverbands der forschenden Pharmaunternehmen (EFPIA) strikt einhalte.

Die Aufarbeitung des möglichen Interessenkonflikts beschäftigt auch die Fachwelt. Einige Forscher sehen laut dem BMJ-Bericht langjährig kursierende Gerüchte durch die aktuellen Meldungen der ESC bestätigt und fordern Reformen bei der Transparenz in Leitlinien. Das Ärzteblatt lässt ergänzend deutsche Experten zu Wort kommen, die die Situation bei deutschen Leitlinien der AWMF bewerten.


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